Vater sein bedeutet nicht nur, da zu sein.
Also körperlich schon. Natürlich. Das ist vermutlich die Grundvoraussetzung. Aber Anwesenheit allein macht noch keine Teilhabe.
Und vielleicht ist genau das etwas, das wir Männer manchmal unterschätzen.
Es gibt unzählige Situationen im Leben eines heranwachsenden Menschen, in denen Männer prägend sein können. Nicht nur Väter übrigens. Großväter, Onkel, Lehrer, Trainer, Freunde der Familie. Und diese Situationen finden selbstverständlich nicht ausschließlich zu Hause statt.
Trotzdem ist das Zuhause ein besonderer Ort.
Denn dort erleben Kinder uns ungefiltert.
Nicht nur beim gemeinsamen Frühstück am Sonntagmorgen oder beim Ausflug, wenn alle einigermaßen ausgeschlafen sind und das Familienleben so aussieht, wie man es sich vorher vorgestellt hat.
Sondern auch dann, wenn die Korken knallen.
Wenn jemand die Tür zuschlägt. Wenn einer ungerecht wird. Wenn zwei unterschiedliche Vorstellungen aufeinanderprallen. Wenn die Kinder Grenzen ausprobieren und wir Erwachsenen unsere eigenen manchmal erst suchen müssen.
Gerade diese Situationen halte ich für wichtig.
Denn Konflikte gehören zum Leben. Und den Umgang damit lernen Kinder nicht aus einem Buch. Sie lernen ihn, indem sie uns beobachten.
Wie streiten wir?
Wie setzen wir Grenzen?
Wie reagieren wir, wenn jemand diese Grenzen überschreitet?
Wie laut dürfen wir werden?
Und was machen wir eigentlich, nachdem wir zu laut geworden sind?
Auch wir Männer haben dabei unseren Anteil.
Nicht, weil Männer grundsätzlich die besseren Grenzen setzen. Und auch nicht, weil Frauen für die emotionale Seite zuständig wären. So einfach ist die Welt nicht.
Aber wir sind unterschiedlich.
Meine Frau und ich reagieren nicht auf jede Situation gleich. Wir setzen teilweise andere Schwerpunkte, haben unterschiedliche Grenzen und gehen mit Konflikten verschieden um. Manchmal finde ich ihren Weg besser. Manchmal meinen. Manchmal stellen wir hinterher fest, dass wir beide ziemlichen Blödsinn gemacht haben.
Auch das dürfen Kinder sehen.
Besonders bei Jungs finde ich noch etwas anderes wichtig: Sie sollen erleben, dass Frauen Grenzen setzen, widersprechen und sich durchsetzen können. Nicht als theoretische Lektion über Gleichberechtigung, sondern ganz selbstverständlich im Alltag.
Genauso sollen sie Männer erleben, die nicht nur dann auftauchen, wenn etwas repariert, getragen oder entschieden werden muss.
Männer dürfen trösten. Männer dürfen nachgeben. Männer dürfen konsequent sein. Männer dürfen einen Konflikt aushalten, ohne ihn gewinnen zu müssen. Und Männer dürfen sagen: Das war gerade Mist von mir.
Wenn Kinder ausschließlich von Frauen erzogen würden, fehlte ihnen möglicherweise ein Teil dieser Vielfalt. Nicht weil Frauen etwas nicht könnten, sondern weil ihnen schlicht die Perspektive der Männer in ihrem unmittelbaren Alltag fehlen würde.
Andersherum wäre es genauso.
Eine Welt, in der ausschließlich Männer Kinder erziehen, möchte ich mir ebenfalls nicht unbedingt vorstellen. Wahrscheinlich würden wir spätestens nach drei Wochen morgens in Formation zum Zähneputzen antreten.
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Kinder brauchen nicht die männliche Erziehung und die weibliche Erziehung.
Sie brauchen Menschen.
Unterschiedliche Menschen, an denen sie sich reiben können. Menschen, die ihnen verschiedene Wege zeigen, mit derselben Situation umzugehen. Menschen, die Grenzen setzen und Nähe zulassen. Die sich streiten und wieder vertragen. Die Fehler machen und sie eingestehen.
Und wenn wir Väter Teil davon sein wollen, reicht es eben nicht, nur auf dem Familienfoto zu stehen.
Wir müssen auch dann da sein, wenn es anstrengend wird.
Vielleicht sogar gerade dann.
Welche langfristigen Konsequenzen das für die Entwicklung unserer Kinder hat, überlasse ich gerne denjenigen, die daraus wissenschaftliche Studien machen.
Für mich reicht zunächst eine viel einfachere Erkenntnis:
Sei da, wenn es wichtig ist.
Auch wenn gerade die Korken knallen.
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